Vertriebene Bevölkerung im Hochland von Chiapas.  | Bildquelle: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Gewalt in Mexiko Vertrieben im eigenen Land

Stand: 04.01.2018 15:24 Uhr

Mexikos Regierung ist schwach, und das nutzen Drogenbanden und Paramilitärs. Immer wieder werden Menschen regelrecht aus ihren Dörfern vertrieben. Im Süden des Landes sind derzeit Tausende bei bitterer Kälte auf der Flucht.

Von Stephan Lina, ARD-Studio Mexiko

Es ist ein eisig kalter Winter im Hochland von Chiapas. Der Bundesstaat an der Grenze zu Guatemala gehört zu den ärmsten Regionen Mexikos. Ein Großteil der Bevölkerung gehört indigenen Völkern an, und immer wieder spielen sich dort humanitäre Dramen ab. Wie auch in diesem Winter.

Seit Wochen harren etwa 5000 Menschen ohne feste Unterkünfte, ohne sauberes Wasser, ohne Nahrungsmittelversorgung in den Bergen aus. Sie sind vor bewaffneten Paramilitärs geflohen, die in ihre Dörfer kamen. Es geht, wie so oft in Lateinamerika, um Land - in diesem Fall um mehrere hundert Hektar Land, bei denen unklar ist, zu welcher Region sie verwaltungstechnisch gehören. Um den Verlauf der Grenze zwischen den Regionen wird seit Jahrzehnten erbittert gestritten.

Und wie so oft sei die indigene Bevölkerung das erste Opfer, beklagt der Priester Alejandro Solalinde. Er appelliert an die Bundesbehörden und den Gouverneur von Chiapas, "dieses Drama" zu beenden. Solalinde berichtet von elf Toten, von Menschen in Lebensgefahr, die frieren und hungern.

Vertriebene Bevölkerung im Hochland von Chiapas. | Bildquelle: picture alliance / ZUMAPRESS.com
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Sie fliehen zu Fuß: Diese Indigenen in Mexiko wissen nicht, wann sie in ihre Dörfer in Chiapas zurückkehren können.

Wer kümmert sich um die Verfolgten?

Die Regierung kündigte zwar an, das Militär zu schicken, doch Kritiker wie Padre Solalinde sagen, dies sei nur Symbolpolitik. In Wirklichkeit lasse die Verwaltung die Armen wieder einmal im Stich.

Dem schließt sich Luis Raul Gonzalez an, der Präsident der Nationalen Kommission für Menschenrechte. Man müsse es so deutlich sagen: "Die Regierung kümmert sich nicht um diese Leute, um die Vertriebenen." Dabei müsste sie eigentlich handeln, Gonzalez. Er befürchtet: "So lange die Paramilitärs straflos handeln können, wird die Vertreibung weitergehen."

Verzweifelte Indigene

Und in den notdürftigen Camps in den Bergen von Chiapas wächst die Not. Der Winter ist ungewöhnlich kalt in diesem Jahr. In den Nächten fallen die Temperaturen zum Teil deutlich unter null Grad. Organisierte Hilfe für die Vertriebenen von Chiapas gibt es kaum. Die Geflüchteten sind verzweifelt. Ein Vater sagt weinend, aus Sicht der Regierung seien die Indigenen von Chiapas keine menschlichen Wesen: "Weil wir Indigene sind, behandeln sie uns wie Tiere."

Unterdessen melden mexikanische Zeitungen, die ersten der Vertriebenen kehrten in ihre Dörfer zurück. Nicht etwa, weil es jetzt sicherer sei, sondern aus nackter Not. Sie müssen weiter fürchten, bedroht und getötet zu werden. Eine Frau berichtet resigniert, Paramilitärs hätten ihnen gedroht, sie zu erschießen, wenn sie nach Hause zurückkehrten.

Vertreibung gibt es aber nicht nur in Mexikos bitter armem Süden, wo es meist um Land geht. Auch in den nördlichen Regionen, wo die Drogenkartelle ganze Landstriche beherrschen, fliehen die Menschen zu Zehntausenden. Entweder in den Norden, in Richtung USA, oder in die Städte, wo sie oft ein Leben am Rande der Gesellschaft führen.

Mexiko - Auf der Flucht im eigenen Land
Stephan Lina, ARD Mexiko-Stadt
04.01.2018 18:57 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 04. Januar 2018 um 10:22 Uhr.

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