Ein indisches Mädchen in einer Selbstverteidigungsklasse. | Bildquelle: AFP

Indien Das Schicksal der ungewollten Töchter

Stand: 09.02.2018 04:06 Uhr

Zwei Millionen Mädchen werden auf dem Subkontinent jedes Jahr abgetrieben, ermordet oder sterben an Vernachlässigung. Töchter gelten als teuer, Söhne hingegen versprechen Wohlstand.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi

Prema streichelt ihrer Tochter Kajal sanft über die Haare. Die 11-Jährige ist gerade mit ihrer älteren Schwester Pooja von der Schule Heim gekommen. "Als Pooja geboren wurde, haben sich noch alle gefreut", erinnert sich Prema. Doch schon während der zweiten Schwangerschaft sagten alle: Du bekommst diesmal einen Sohn. Aber es war wieder eine Tochter.

"Das machte meinen Ehemann ganz krank", so Prema. "Er verfluchte mich. Er schlug mich. Ich will einen Sohn, schrie er, warum bringst Du eine Tochter zur Welt? Andere Frauen schaffen es doch auch, Söhne zu bekommen."

Ihre Familie schützte Prema nicht

Dann kam der Moment, in dem Prema zu kämpfen lernte. "Eines Tages ging mein Mann zu weit", sagt sie. "Er schlug unsere ältere Tochter mit einer Holzlatte. Sie blutete am Kopf, sie musste ins Krankenhaus. Er drohte, beide Mädchen umzubringen."

Daheim, bei ihrer Familie, fand Prema keinen Schutz. Alle machten sie für die vermeintliche Misere selbst verantwortlich. Ihre Brüder zwangen sie, zu ihrem Mann zurückzukehren. "Sie sagten, auch wenn er Dich schlägt: Es ist Deine Pflicht, bei Deinem Ehemann zu bleiben", sagt Prema.

Prema und ihre Töchter
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Prema und ihre Töchter.

Ihr Fall ist keine Ausnahme

Bald wurde sie wieder schwanger. Sie erbrach sich anfangs, genauso wie bei den vorherigen Schwangerschaften auch. Ihr Mann und die Schwiegereltern werteten das als Zeichen dafür, dass sie schon wieder ein Mädchen in sich trug. "Da forderte meine Schwiegermutter meinen Ehemann auf, mich zu verlassen und die Scheidung einzureichen", sagt Prema. "Ich war auf mich allein gestellt. Meine Töchter und ich hatten nicht mal genug Geld, um richtig zu essen."

Premas Geschichte klingt extrem, für indische Verhältnisse ist sie das aber nicht. Selbst die Regierung musste nun zugeben, dass mehr als 20 Millionen Mädchen im Land leben, die schlichtweg nicht gewollt sind. Demnach fehlen pro Jahr zwei Millionen Mädchen - entweder werden sie abgetrieben, nach der Geburt ermordet - oder sie sterben an Vernachlässigung. So steht es in einer Studie des indischen Finanzministeriums.

"Genozid an Mädchen"

Sejho Singh leitet in Neu-Delhi eine Organisation, die Mädchen in Indien stärken will. "In Südasien gibt es diese Vorliebe für Jungs", sagt er. Das hänge mit dem Geiz vieler Menschen zusammen. "Für Mädchen ist bei der Hochzeit immer noch häufig eine Mitgift fällig. Söhne gelten dagegen als Garanten für materiellen Wohlstand."

Es sei sehr günstig, Ultraschalltests zu machen, sagt Singh. Das führe zu einem Genozid. "Wir schätzen, dass diese Tests jeden Tag bis zu 9000 Mädchen das Leben kosten."

Dabei ist es in Indien verboten, den Eltern bei einer Ultraschall-Untersuchung das vermeintliche Geschlecht des Kindes zu nennen. Aber es sind die reicheren Inder, die laut Sejho Singh besonders versessen auf Jungs sind. Sie können es sich leisten, Mediziner zu bestechen. Oder sie haben Ärzte in ihrem Bekanntenkreis. "Aber jetzt greift dieses Virus auch in anderen, ärmeren Gesellschaftsschichten um sich", so Singh. "Das ist besonders alarmierend."

Der Abstand zwischen Jungen und Mädchen wächst

Laut der Volkszählung 2011 kommen auf tausend Jungs nur noch 914 Mädchen, vor 30 Jahren waren es noch rund 960 Mädchen. Vor allem in Nordindien, wo die gesellschaftlichen Verhältnisse besonders rau sind, werden viel mehr Jungs als Mädchen geboren.

Prema, die von ihren Schwiegereltern verflucht worden war, stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Nachdem sie auf sich allein gestellt war, schwanger und mit zwei Töchtern, musste sie sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen, als Putzfrau. Sie habe nur von Brot und Salz gelebt, sagt sie.

"Die Ärzte meinten, ich sei zu schwach für eine normale Geburt. Dass entweder das Baby oder ich sterben würden", erinnert sie sich. Aber es hat trotzdem geklappt. Und es war ein Junge. Vier Kilogramm schwer.

"Der Kopf meines Mannes ist voller Kuhmist"

Kaum war der Kleine da, stand der Ehemann vor Premas Tür. Er bat um Vergebung. Prema nahm ihn zurück. "Ich musste ihm vergeben. Die Leute hier glaubten sowieso schon, ich hätte einen schlechten Charakter, weil ich alleine lebe", sagt sie. "Aber der Kopf meines Mannes ist wirklich voller Kuhmist. Jetzt will er, dass ich kein Geld mehr für die Ausbildung meiner Töchter ausgebe. Immerhin schlägt er unsere Mädchen nicht mehr."

Kajal, die jüngere, träumt davon, Lehrerin zu werden, und Pooja, die ältere, würde gerne Medizin studieren. Ihre Mutter Prema sagt, sie sei entschlossen, auch diesen Kampf gegen ihren Ehemann auszufechten. Inzwischen hat sie einen zweiten Jungen zur Welt gebracht. Ihr Ehemann wünscht sich noch mehr Söhne, jetzt, wo es zu klappen scheint. Prema hat sich aber sterilisieren lassen. Heimlich. Als sie davon erzählt, lächelt sie.

Indiens unerwünschte Töchter
Jürgen Webermann, ARD Neu-Delhi
09.02.2018 00:56 Uhr

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Über dieses Thema berichteten am 09. Februar 2018 Deutschlandfunk um 05:46 Uhr und NDR Info um 12:50 Uhr.

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