Kommentar

Seehofers Islam-Aussagen Übles Zeichen in prekären Zeiten

Stand: 16.03.2018 13:38 Uhr

Seehofer hat mit seinen Aussagen zum Islam zwar zum Teil recht, doch er fällt den Muslimen in Deutschland in den Rücken. Angesichts der Angriffe auf Moscheen sei das ein übles Zeichen.

Ein Kommentar von Ulrich Pick, SWR

Vorab: Wir leben in Zeiten der Polarisierung, und deshalb gilt es, mit Aussagen wie der des Bundesinnenministers differenziert und in Genauigkeit umzugehen. Nun zu den Einzelheiten: Wenn Horst Seehofer davon spricht, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört, weil wir hier in Mitteleuropa christliche Wurzeln haben, so ist ihm recht zu geben - zumindest historisch betrachtet. Schließlich ist hierzulande der Sonntag Wochenfeiertag und nicht der Freitag sowie Ostern und Weihnachten arbeitsfrei und nicht das Ramadan- und Opferfest.

Gleichwohl sind die mittlerweile rund fünf Millionen Muslime fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft. Viele von ihnen leben hier schon mehrere Jahrzehnte und tragen einen nicht zu unterschätzenden Anteil an unserer Wirtschaftsleistung.

Seehofer fällt attackierten Muslimen in den Rücken

Bei diesen Aspekten können wir es aber nicht bewenden lassen: Es muss auch ein Blick auf die zeitlichen Umstände von Seehofers Aussage geworfen werden. Und hier fällt auf, dass der Bundesinnenminister seinen Satz, "der Islam gehört nicht zu Deutschland", zu einem Zeitpunkt geäußert hat, da zahlreiche islamische Einrichtungen attackiert werden und viele Muslime sich in die Defensive gedrängt fühlen.

Und nicht nur das: Die Vorsitzenden der großen islamischen Verbände haben sich zudem an die Öffentlichkeit gewandt, mit der Bitte um Solidarität und Unterstützung. Wenn Seehofer in dieser prekären Situation davon spricht, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört, dann ist das ein Zeichen - ein übles Zeichen. Er fällt mit seinen Worten nämlich den attackierten Muslimen in den Rücken.

Wäre die Bundesregierung nicht erst ein paar Tage im Amt, man müsste an dieser Stelle eine Personaldebatte beginnen. Denn es stellt sich die Frage, ob der leidenschaftliche Provokateur und Spalter Horst Seehofer wirklich der richtige Chef des Bundesinnenministeriums ist.

Ehrlicher und solidarischer Umgang von allen Seiten gefragt

Und noch etwas - und zwar in Richtung der islamischen Verbände: Sie sollten - gerade angesichts ihrer zurzeit sehr schwierigen Lagen - bitte bei der Wahrheit bleiben. Warum? Weil der Vertreter von Ditib, Zekeria Altug, beim gestrigen Aufruf zur Solidarität mit den Muslimen einmal mehr - und zwar in die Kamera der ARD - sagte, dass sein Verband unabhängig und unpolitisch sei.

Wirklich? Es ist doch bekannt, dass Ditib-Imame im vergangenen Jahr hierzulande im Auftrag der Türkei Anhänger des Predigers Fetullah Gülen ausspioniert haben, und es ist auch bekannt, dass das türkische Religionsministerium in der Lage ist, in jede deutsche Ditib-Moschee hineinzuregieren.

Die letztlich wenig ergiebige Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, wird wohl auch noch in Zukunft die Politik beschäftigen. Wichtiger aber scheint, ob es Muslime und Nicht-Muslime in Deutschland künftig schaffen, offen, ehrlich und auch solidarisch mit einander umzugehen.

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 16. März 2018 um 21:45 Uhr.

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