Buchrücken mit der Aufschrift Salafist. | Bildquelle: picture alliance / Christoph Sch

Bundesamt für Verfassungsschutz Zahl der Salafisten steigt deutlich

Stand: 10.12.2017 12:00 Uhr

Missionierende Salafisten sind so gut wie aus dem Straßenbild verschwunden - die Zahl ihrer Anhänger in Deutschland ist dennoch deutlich gestiegen. Das geht aus aktuellen Verfassungschutzdaten hervor. Doch es gibt auch Zweifel an den Zahlen.

Von Michael Stempfle, ARD-Terrorismusexperte

"Die Zahl der Salafisten ist auf ein Allzeithoch angestiegen", warnt der Präsident des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen. Der deutsche Inlandsnachrichtendienst geht davon aus, dass sich in Deutschland derzeit rund 10.800 Menschen der salafistischen Szene angeschlossen haben. Ein Plus von 500 Anhängern - in nur drei Monaten. Noch im September dieses Jahres zählte die Behörde 10.300 Salafisten. Im Dezember 2016 waren es noch 9700.

Allerdings ist nur eine Minderheit der salafistischen Szene militant, also gewaltbereit. Die deutliche Mehrzahl agiert politisch. Ihnen geht es in erster Linie darum, ihre extremistische Ideologie zu verbreiten und nicht-Muslime zu missionieren. Salafisten geben vor, sich an den Anfängen ihrer Religion zu orientieren - etwa indem sie sich auf ursprüngliche Quellentexte und die "Altvorderen" berufen.

Vereinfacht ausgedrückt geht es ihnen in letzter Konsequenz aber darum, einen islamischen Gottesstaat zu errichten. Viele Errungenschaften unserer Gesellschaft, auch garantierte Grundrechte, würden die Anhänger dafür über Bord werfen. Warum die Zahlen so stark gestiegen sind, sagt der Verfassungsschutz nicht. Ein Argument der vergangenen Jahre: Die Sicherheitsbehörden haben die Szene - gerade nach den vielen islamistischen Anschlägen in Europa - besser im Blick und zählen auch die Anhänger der Salafisten genauer.

Salafisten wirklich so "erfolgreich"?

Es komme darauf an, nach welchen Kriterien die einzelnen Bundesländer zählen und dann ihre Zahlen an das Bundesamt für Verfassungsschutz weitergeben, ergänzt Islamismus-Expertin Claudia Dantschke kritisch: "Ich halte die Steigerung in drei Monaten um 500 Personen für sehr hoch", so Dantschke. Es gebe in der Tat nach wie vor "salafistische Netzwerke, die zwar keine überregionale Bedeutung haben, aber lokal und regional sehr gut verankert sind und zum politisch-missionarischen Spektrum gehören". Sie sei aber skeptisch, dass die Salafisten gerade in den vergangenen drei Monaten dabei aus deren Sicht "so erfolgreich" gewesen sein sollen.

alt "Claudia Dantschke" vom Zentrum Demokratische Kultur

Zur Person

Claudia Dantschke ist Extremismus-Expertin und arbeitet am Zentrum Demokratische Kultur für eine Beratungsstelle, die Angehörigen von militanten Dschihadisten sowie Aussteigern zur Seite steht. Nach ihrem Studium der Arabistik arbeitete sie als freie Journalistin, unter anderem für eine deutsch-türkische Fernsehanstalt.

In der Tat sind die Salafisten in Deutschland zunächst durch ihre Missionierungs-Aktionen auf offener Straße bekannt geworden. Besondere Aufmerksamkeit hatte die Koran-Verteilaktion "Lies!". Nach Ansicht von Bundesinnenminister Thomas de Maizière ist es dabei zu einem gefährlichen Anbahnen von Kontakten in die Szene gekommen. Die Folge: Nach de Maizières Einschätzung hätten sich rund 140 Menschen daraufhin entschlossen, in den IS-Krieg nach Syrien und in den Irak zu ziehen.

Vor etwas mehr als einem Jahr, am 15. November 2016, erklärte de Maizière den Verein "Die wahre Religion" samt der Kampagne "Lies!" für aufgelöst. Damit konnte der Innenminister aber offensichtlich nicht verhindern, dass die salafistische Szene in Deutschland weiter dynamisch wächst. Im Gegenteil. Die Aktivitäten der Salafisten verlagern sich jetzt weg von der Straße in den privaten Bereich. Öffentlich sichtbare "Straßenmissionierung" finde nur noch selten statt, heißt es seitens des Verfassungsschutzes. Das sei mutmaßlich auch eine Folge der staatlichen Ermittlungserfolge.

Die Radikalisierung finde jetzt weniger in Moscheen oder überregionalen salafistischen Organisationen statt. Stattdessen eher in kleinen konspirativen Zirkeln und vor allem im Internet statt. Aus diesen bildeten sich auch "Frauennetzwerke", zu denen die Nachrichtendienste nur erschwert Zugang hätten. Das sei eine "besondere Herausforderung", so Maaßen.

Teilnehmer der Koran-Verteilaktion in Frankfurt/Main (Archivbild) | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Teilnehmer einer Koran-Verteilaktion in Frankfurt am Main (Archivbild)

Islamisten aus dem Nordkaukasus

Innerhalb der islamistischen Szene in Deutschland haben nach Ansicht des Verfassungsschutzes offenbar die Islamisten aus dem Nordkaukasus eine besondere Gewaltbereitschaft. Gemeint sind damit die Islamisten, die aus den Herkunftsregionen Tschetschenien, Dagestan und Iguschetien kommen.

Diese spezielle Gruppe verfügt zwar nicht über feste Strukturen und liege im mittleren dreistelligen Bereich. Und doch erfordere die "Affinität zu Gewalt, Kampfsport und Waffen der Islamisten aus dem Nordkaukasus" die Aufmerksamkeit der Sicherheitsbehörden in Deutschland, so der Chef des Inlandsnachrichtendienstes. "Extremistische Nordkaukasier waren, neben dem Tschetschenienkrieg in ihrer Heimat, aktuell auch an den Kämpfen in Syrien und Irak maßgeblich beteiligt." Sie seien kampferprobt und stellten ein hohes Gefährdungspotential dar, so Maaßen.

Orte, an denen es relativ viele islamistische Tschetschenen gebe, sind nach Angaben des Verfassungsschutzes die ostdeutschen Bundesländer - vor allem Brandenburg und Berlin. Schwerpunkte gebe es auch in Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Bremen. Die Szene sei nach außen hin abgeschottet und eher durch weitläufige Netzwerke und Kennverhältnisse gekennzeichnet.

Zwischen Islamismus und Organisierter Kriminalität

Diese reichten zum Teil aber über nationale Grenzen hinweg - bis in andere europäische Länder hinein. Radikalisierung bei den Nordkaukasiern geschehe vor allem über persönliche Kontakte. Häufig fühle sich die Gruppe durch Religion und traditionelle Clanstrukturen verbunden. Vereinzelt bestünden personelle Überschneidungen zwischen dem Islamismus und der Organisierten Kriminalität.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Dezember 2017 um 13:00 Uhr.

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